Makerspaces für die zivile Verteidigung
Auf der FIfFKon26 in Berlin habe ich am letzten Sonntag „templateZV” vorgestellt, eine Vorlage für „Resilience Spaces”. Dabei handelt es sich um Ad-hoc-Makerspaces in städtischem Leerstand, die im Frieden dem Zivil- und Katastrophenschutz dienen und im Konfliktfall ihre Aktivitäten um Aufgaben der zivilen Verteidigung erweitern. Das Format selbst ist schnell erklärt und liegt als Schritt-für-Schritt-Anleitung vor. Spannender als die Funktionsweise ist die Frage, welche Wirkung solche Orte entfalten könnten, wenn es sie in zwanzig oder zweihundert Städten gäbe.
Das Format in aller Kürze
Ein Resilience Space entsteht zuerst online als Community mit Namen, Mission, Regeln, Plenum und Werkstattkanälen. Dann wechselt der Space über ein Template in die reale Welt. Das Template ist vom Hackerspace Cookbook (devbase.org) inspiriert. Der Space dockt an die Kommune an und erhält temporär beispielsweise ein leeres Ladenlokal zur Zwischennutzung. Der Aufbau erfolgt innerhalb von 72 Stunden. Es gibt einen festen Wochenrhythmus aus Plenum, offenem Abend, Kurs und Sprint sowie vier Werkstätten (Druck, Kurse, Lage und Information sowie Textil). Der Rückbau erfolgt innerhalb von 48 Stunden. Anschließend werden die Ergebnisse übergeben und es geht weiter zum nächsten Leerstand.
Der Space arbeitet in zwei Modi: Modus A dient dem Zivil- und Katastrophenschutz in Friedenszeiten, Modus B wird in einer hybriden Dauerlage oder im Spannungs- und Verteidigungsfall aktiviert – ausschließlich auf Anforderung der zuständigen Behörde. Vorbilder für diesen Doppelcharakter sind die estnischen Resilience Hubs: Bibliotheken und Gemeindehäuser, die im Alltag Begegnungsorte sind und in der Krise Informationen bereitstellen, die Koordination übernehmen, für Strom sorgen und gegenseitige Hilfe ermöglichen.
Potenzial 1: Die Lücke zwischen Selbsthilfe und Behörde schließen
Das Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) legt in § 1 Abs. 1 Satz 2 eine Reihenfolge fest, die im Alltag der Verwaltungen kaum Niederschlag findet: „Behördliche Maßnahmen ergänzen die Selbsthilfe der Bevölkerung.“ Gemäß § 5 sind die Gemeinden für den Aufbau, die Förderung und die Leitung des Selbstschutzes zuständig (ZSKG). Zunächst die Selbsthilfe, dann die Behörde. Die Bevölkerung ist demnach „nicht bloß Zielgruppe der Versorgung, sondern Mitakteur“.
Zwischen diesem Anspruch und der Wirklichkeit klafft eine Infrastrukturlücke. Es gibt Notfalltreffpunkte, die niemand kennt, Broschüren zur 72-Stunden-Vorsorge, die niemand liest, sowie Hilfsorganisationen, die Nachwuchs suchen. Was fehlt, ist ein niedrigschwelliger Ort, an dem Selbsthilfe eingeübt werden kann, ohne dass man sich einer Organisation anschließen muss. Ein Makerspace ist ein erprobtes Modell dafür: Er bringt Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen über ein gemeinsames Tun zusammen, produziert Dinge statt Papiere und organisiert sich selbst. Die Kuma Academy in Taiwan zeigt, wie groß die Nachfrage nach genau diesem Angebot sein kann. Themen sind unter anderem Erste Hilfe, Evakuierung, das Erkennen von Informationskriegsführung und seit 2026 auch Drohnenflug. Mehr als 70 Prozent der Teilnehmenden sind Frauen zwischen 25 und 45 Jahren (Taipei Times, TW). Das ist eine Zielgruppe, die klassische Katastrophenschutzstrukturen in Deutschland kaum erreichen. In einem Resilience Space würden aus solchen Kursen Resilienzlotsen im Quartier entstehen, die wissen, wo sich der nächste Notfalltreffpunkt befindet, wie ein Notstromaggregat sicher betrieben wird und wie man gefälschte Warnmeldungen erkennt.
Potenzial 2: Produktionskapazität, die der Katastrophenschutz nicht hat
DrukArmy hat in der Ukraine eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wozu dezentrale Fertigung fähig ist. Kuratoren stellen geprüfte Aufträge ein, die von Tausenden Freiwilligen an privaten Geräten gedruckt werden. Insgesamt sind es rund 3.000 Drucker, davon etwa 600 im Ausland. Ein deutscher Zweig gehört zu den größten (DrukArmy, UA). Durch Eingangstests, Kuratierung, dezentrale Produktion und zentrale Logistik entsteht ein „dezentrales Fließband“ (Defense Express, UA).
Übertragen auf den Friedensbetrieb liegt das Potenzial in einer kuratierten Teilebibliothek für den Katastrophenschutz. Die Ortsverbände von THW, Feuerwehr, DRK und DLRG arbeiten mit Geräten, deren Ersatzteile lange Lieferzeiten haben oder gar nicht mehr produziert werden. Adapter, Halterungen, Trichter und Gehäuse für Sensorik lassen sich lokal drucken, wenn jemand die entsprechenden Dateien prüft, versioniert und bereitstellt. Jeder Space ergänzt die Bibliothek und jeder Ortsverband kann sie nutzen.
Im Modus B wird auf Anforderung der Kommune daraus die Produktion von Ausrüstung für den Zivilschutz und für Einsatzkräfte. Das humanitäre Völkerrecht wertet die Konstruktion und Produktion allgemeiner Ausrüstung als indirekte Unterstützung (IKRK). Die Produktionsstätte kann dennoch zum Ziel werden, weshalb das Konzept eine räumliche Trennung von Notfalltreffpunkten, dezentral gelagerte Drucker und den Verzicht auf jegliche Art von Waffenteilen vorsieht.
Wer privat beim deutschen DrukArmy-Zweig mitdruckt, kann dies tun. Der Space stellt das nötige Wissen und die Werkstatt bereit, trennt Vereinsmittel strikt davon und wickelt keine Ausfuhren ab, da Rüstungsgüter und Dual-Use-Güter auch für Privatpersonen genehmigungspflichtig sind (Zoll).
Potenzial 3: Ein Sensor für den dritten Aggregatzustand
Unser Recht kennt Frieden und Verteidigungsfall, dazwischen den Katastrophenfall mit förmlicher Feststellung. Die hybride Kriegführung stellt einen dritten Aggregatzustand dar: Es kommt zu Versorgungsnotständen, Desinformation und Sabotage, ohne dass je eine Katastrophe festgestellt wird. Für diesen Zustand benötigen Kommunen abgestufte Reaktionsmechanismen unterhalb der Katastrophenschwelle sowie eine frühzeitige Einbindung der Bevölkerung. Beides setzt jedoch voraus, dass Veränderungen früh bemerkt werden.
Hier liegt ein Potenzial, das Verbände und Behörden strukturell nicht ausschöpfen können. Beobachtungen aus der Nachbarschaft. Welche Schutzräume sind nicht barrierefrei? Wo fehlt Notstrom? Welche Gerüchte kursieren im Stadtteil? Welche lokale Seite verbreitet seit drei Wochen auffällig gleichförmige Beiträge? NAFO liefert das Vorbild für die Informationsseite: ein dezentrales Online-Kollektiv, das russische Desinformation mit Humor kontert und dessen Wirkung die Forschung unter dem Begriff „Participatory Warfare” untersucht (Security Dialogue 2024). In einem Resilience Space entsteht daraus ein kuratierter lokaler Lagekanal aus BSI, BBK, Polizei, Stadtwerken sowie verifizierten Ereignissen und Faktenchecks. Zudem wird Medienkompetenz mit Schulen vermittelt und die Meldung von Desinformation nach Art. 16 des Digital Services Act ermöglicht.
Im Modus B entsteht ein Rapid-Response-Team für die kommunale Krisenkommunikation mit Richtigstellungen, Übersetzungen und einem „Lagebild Desinformation“. Humor ist dabei legitim, während Beleidigung, Nachstellung, Doxxing und Angriffe auf IT-Systeme Straftaten sind (§§ 185 ff., 238, 126a, 202a ff., 303a f. StGB), auch „gegen die Richtigen“.
Potenzial 4: Handlungsfähigkeit für die, die zu Hause bleiben
Das vielleicht größte und am wenigsten diskutierte Potenzial betrifft Menschen, die in Debatten über Gesamtverteidigung nicht vorkommen. Partnerinnen und Partner sowie Eltern und Kinder von Menschen im Einsatz. Die Forschung zu diesem Thema stammt aus Ländern, die es aktuell erleben. So fand eine ukrainische Studie unter 72 Frauen von Soldaten bei 50 Prozent leichte, bei 30 Prozent mittlere und bei 13 Prozent ausgeprägte depressive Symptome. Nahezu alle äußerten Angst um die Zukunft der Familie (Psychological Travelogs 2024, UA). Russische Quellen beschreiben bei Frauen von Mobilisierten ein „Leben auf Pause“, ein inneres Verbot der Freude, Apathie und Ohnmacht (psyjournals.ru 2026). Wer Netze knüpft oder Kerzen gießt, dem geht es „ein wenig leichter“, nicht weil die Sorge verschwindet, sondern weil man überhaupt etwas tut (Meduza, RU, ein Exilmedium).
Die einfachste Form dieses Potenzials sind die Tarnnetz-Werkstätten in Lwiw, Irpin, Tallinn, Lübeck und Rostock: ein Rahmen, ein Netz, viele Hände, gemeinsames Essen (Field Journal, UA; NDR). Eine Netzknüpferin in Tallinn formuliert, was die Studien messen: „Es ist leichter zu handeln, sich zu bewegen, als stillzusitzen und zu hoffen, dass alles gut wird.“ (CS Monitor, EE). Eine Studie mit 288 ukrainischen Freiwilligen zeigt, dass 84,7 Prozent ihr Engagement als emotionale Erleichterung empfinden (Psychosomatic Medicine and General Practice). In Lwiw wurde die Netzwerkstatt zum Herzstück eines psychosozialen Programms für Binnenvertriebene: „Das Knüpfen selbst wurde therapeutisch.“
Ein Resilience Space kann dieses Potenzial heben, bevor es gebraucht wird.
In Modus A ist die Textilwerkstatt eine Sammelstelle für Schattennetze für Kitas, Sichtschutz für Notunterkünfte, Sandsäcke und für die Reparatur von Einsatzkleidung. Der offene Knüpfabend ist ein Ort, an dem Angehörige von Einsatzkräften, Reservistinnen und Soldaten einander ohne Anlass begegnen.
In Modus B werden daraus Tarn- und Sichtschutznetze für Zivilschutzobjekte und der Knüpfabend bleibt weiterhin das Herz des Angebots.
Das Konzept berücksichtigt aber auch die Kehrseite: 28,5 Prozent der ukrainischen Freiwilligen erfüllten die Kriterien einer stressassoziierten Störung. Dies liegt über der WHO-Prognose von 22 Prozent für Konfliktbevölkerungen. Zudem korreliert die Dauer des Engagements mit Burnout. Deshalb gehören ein moderierter Kanal für Angehörige, eine psychosoziale Ansprechperson als feste Rolle, Rotation statt Dauerbelastung und gemeinsames Essen als Teil des Sicherheitskonzepts zum Betrieb. Peer-Support ist keine Therapie, weshalb der Verweis auf professionelle Hilfe zur Rolle gehört. Taiwan hat die kollektive Angst und das individuelle Gefühl der Hilflosigkeit als den am meisten vernachlässigten Aspekt der Zivilschutzplanung benannt (FNF Taiwan 2026, TW). In Deutschland fehlt Begleitforschung zu diesem Thema fast völlig – Resilience Spaces wären der Ort, an dem sie beginnen könnte.
Potenzial 5: Bottom-up-Innovation mit Anschluss nach oben
Das Forschungsnetzwerk I2SN startet im Jahr 2027 das Dialogformat „Government Resilience”. „Resilience Spaces” könnten das liefern, was in solchen Formaten regelmäßig fehlt: die Zivilgesellschaft als Nachbarschaft statt als Verbandsvertretung.
Ein Resilienz-Produkt könnte beispielsweise eine Sammelbestellung für Notstrom fürs Quartier oder ein Quartiers-Krisenplan nach estnischem Muster mit Ressourcen- und Vulnerabilitätskarte sein. Ein Vigilanz-Produkt könnte beispielsweise ein lokales Lagebildformat oder eine Desinformationsübung mit einer Schule sein. Ein Innovationsprodukt, also ein Prototyp, der an Kommune oder Wissenschaft übergeht, könnte beispielsweise Sensorik, ein Open-Data-Satz oder ein Übungsszenario sein. Ein Space mit Druckern, Funk, Sensorik und dreißig motivierten Menschen ist der Ort, an dem ein Szenario aus einer Arbeitsgruppe des Dialogformats zur Übung wird.
Wenn ein Gremium diese Outputs dann in Entscheidungsvorlagen übersetzt, erhält die Bottom-up-Innovation Anschluss und Kommunen erhalten Fachstellen für „Zivile Verteidigung und Resilienz“, die wissen, was vor Ort möglich ist.
Potenzial 6: Demokratische Kontrolle durch Selbstgestaltung
Kommunen sind der „Arbeitsmuskel“ der zivilen Verteidigung. Generalleutnant André Bodemann bezeichnet sie sogar als „den Ernstfall der zivilen Verteidigung“. Gleichzeitig gibt es berechtigte Kritik: Correctiv titelte 2025 „Bundeswehr trimmt Städte und Gemeinden auf Kriegstüchtigkeit“ und stellte die Frage nach demokratischer Kontrolle.
Das Potenzial von Resilience Spaces liegt in der Umkehrung dieser Richtung. Wenn Kommunen und Zivilgesellschaft die zivile Verteidigung selbst gestalten, statt sie sich zuweisen zu lassen, ist das die wirksamste Form demokratischer Kontrolle. Ein Space, der offen dokumentiert, was er tut, parteipolitisch neutral bleibt, neue Mitglieder nach dem Vier-Augen-Prinzip aufnimmt, keine Personenregister führt und Auffälligkeiten an Behörden meldet, statt selbst zu ermitteln, ist überprüfbarer als jede im Verborgenen entstehende Struktur. Die baltische Forschung bezeichnet diese Haltung als „critical civic patriotism“: Loyalität zur Demokratie, nicht zur Regierung (Democratic Resilience in the Baltics, Kap. 5). Civic Resilience, die Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger, als Bürger zu handeln, ergänzt Civil Resilience, die Widerstandsfähigkeit der Strukturen – freiwillig, lokal, zivil.
Die Grenze, ohne die nichts davon trägt
Jedes dieser Potenziale wäre wertlos, wenn die Zivilgesellschaft zum Instrument würde. Deshalb zieht templateZV in beiden Modi dieselbe Linie. Das humanitäre Völkerrecht unterscheidet zwischen Zivilpersonen und unmittelbarer Teilnahme an Feindseligkeiten, denn wer unmittelbar teilnimmt, verliert für die Dauer seinen Schutz. Die Ukraine zeigt eine Verschiebung: Die Produktion allgemeiner Ausrüstung gilt als indirekte Teilnahme, die Meldung von Zielkoordinaten über einen Chatbot hingegen als unmittelbare Teilnahme (Small Wars Journal 2026). Das IKRK hat 2023 acht Regeln für zivile Hacker sowie vier Pflichten für Staaten formuliert, sie zurückzuhalten (IKRK 2023). 2025 hat das IKRK einen Bericht zur zivilen Beteiligung an Cyberoperationen vorgelegt (IKRK 2025). Für Resilience Spaces bedeutet dies: keine Zielaufklärung, keine Angriffe auf Systeme und keine Kriegswaffen (§ 2 KrWaffKontrG). Lernen, reparieren, kartieren, vorsorgen und allgemeine Ausrüstung herstellen ist hingegen erlaubt. Zielaufklärung, Angriffe und Waffen: nein. Eine Gesellschaft, die hybridem Druck standhalten will, braucht Orte, an denen Menschen lernen können, was sie selbst legal, offen und überprüfbar tun können.
Was das Potenzial zur Wirklichkeit macht
Wenig davon kostet viel. Die Verwaltung braucht Leerstand für eine Zwischennutzung mit Resilienzzweck, eine Ansprechperson und die Bereitschaft, einmal im Jahr mitzuüben. Das belebt die Innenstadt und fördert die Resilienz. Die Gesetzgebung sollte klarstellen, dass Resilienzbildung und Selbstschutzbefähigung über § 52 Abs. 2 Nr. 12 AO hinaus als gemeinnützig anerkannt sind. Die Innenministerkonferenz spricht bereits von „Selbstschutzkompetenz“ (Bundeswehr-Journal). Von der Wissenschaft wird Begleitforschung benötigt, die Spaces als Partner einbindet. Von der Wirtschaft benötigen wir einen Drucker, einen Tisch und eine Powerstation – ohne Logos und ohne Einfluss auf Inhalte. Von der Zivilgesellschaft, also von uns, braucht es die Bereitschaft zu handeln und Grenzen zu ziehen.
Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, sagt: „Resilienz entsteht niemals zufällig.“ Sie entsteht, wenn Menschen sich treffen, voneinander lernen, gemeinsam üben und zusammenhalten.
templateZV ist eine offene Vorlage. Phase 0 läuft auf einem Discord-Server - einem Matrix-Server. Wer einen Leerstand, eine Ansprechperson in der Kommune, einen Ortsverband mit Ersatzteilproblemen oder einen Makerspace kennt, der sich das Format ansehen möchte, findet dort den richtigen Kanal.